Ein Stoff zum Träumen
Mit afrikanischer Mode kommunizieren
German language version.
Der Bezirk Nörrebro in Kopenhagen ist ein vibrierender Schmelztiegel
der Kulturen im Guten wie im Bösen. Jede Großstadt in Europa
hat Bezirke wie diesen. Dort treffen sich junge Leute unterschiedlichster
Nationalität in schicken Cafe, dorthin gehen Familien zum Einkaufen
oder kommen, um einfach nur mit Freunden und Bekannten zu plaudern. Der
Bezirk hat all die sozialen Probleme und Konflikte wie sie überall
dort sind, wo viele Leute auf engem Raum zusammen leben. Aber eine multikulti
Nachbarschaft ist auch eine Geburtsstätte von Initiativen und neuen
Ideen.
 Dort
mitten drin gibt es eine Werkstatt mit einem einzigartigen Talent für
Modedesign. Dort lebt der in Ghana geborene Francis Selorm Seshie seit
12 Jahren. Zusammen mit Afrikaläden ist „Kente Design“ ein
Treffpunkt. Die Leute dort essen, plaudern oder lassen sich in der gemütlichen
Atmosphäre nebenbei die Haare schneiden. Flotte Lieder spielen in
den alten Kassettenrekordern neben den Computern und Nähmaschinen.
Francis hat seine eigene Vision, wie man die beiden Welten am beste zusammen
bringt. Afrika trifft auf den Westen in seinen Designs, aber auch in
anderen Projekten, die von hier starten. Er produziert und verkauft nicht
nur afrikanische Kleidung hoher Qualität: „Als ich mit meinem
Laden hier begann, war es eines meiner Hauptziele, afrikanische Kultur
zu verbreiten und das Bild Afrikas im Westen zu verbessern. Es geht nicht
nur darum, Kleidung zu verkaufen. Ich möchte eine Geschichte erzählen.
Ich spreche in Symbolen und verborgenen Botschaften im Kente Design,
und ich vertraue darauf, dass es dafür ein Publikum gibt und dass
ich seine Augen öffnen kann.“
Den
Wunsch, mit Stoffen zu arbeiten und Designer zu werden, hatte Francis
schon in der Schule in Akkra. Er begann, spezielle Baseballmützen
für Schüler, Schulen und Universitäten zu produzieren.
Viele seiner ersten Kunden kamen aus Nigeria, Benin und aus dem Senegal.
Sie waren fasziniert, was er mit den Materialien machen konnte, und fragten
nach Kleidungsstücken. Für seine ersten Designs benutzte Keta,
eine Wachsdrucktechnik, aber später entschied er sich für Kente-Kleidung,
die für Ghana einzigartig ist. Liebe und Achtung für seine
ghanaischen Wurzeln und Traditionen waren immer die Hauptquelle für
seine Inspirationen. Francis Seshie findet neue Ideen für moderne
Moden, indem er zurückblickt auf Traditionen und Geschichte. Ein
Blick auf die Kleiderhaken im Laden zeigt alles von Alltagskleidung,
Taschen und T-Shirts bis zu gewagten Miniröcken, Stiefeln und langen
Abendkleidern.
Francis Seshie arbeitet gerne in Dänemark, wo er in den letzten
Jahren mehrere große Modeschauen organisiert hat. 2003 wurde er
zwar Künstler des Jahres der dänischen Immigranten, aber „der
Markt ist zu klein“, so beklagt er sich. Die Dänen sind zwar
fasziniert von der farbenprächtigen Kleidung, aber zu schüchtern,
wenn es darum geht, diese auch zu tragen. Glücklicherweise ist es
durch das Internet leichter geworden, Zugang zum internationalen Markt
zu bekommen, und Kente Design hat heute Kunden in London, Paris und in
den Vereinigten Staaten.
KENTE
Der ursprüngliche Kente-Stoff ist handgewebte Seide und Baumwolle,
er ist teuer und exklusiv. Aber Kente ist nicht nur Kleidung: Kente ist
ein einzigartiger Teil der ghanaischen Geschichte und Kultur. Die ghanaischen
Stämme der Asante und Ewe verwendeten die Kleidung ursprünglich
für religiöse Zeremonien. Anders als in der westlichen Mode
haben afrikanische Designs oft eine tiefere Bedeutung, sowohl in der
Kleidung wie bei den Frisuren. Farben, Muster und Designs haben alte
Wurzeln und Bedeutungen, die Francis immer noch verwendet, wenn er neue
Kreationen schafft. Sie können alternativ Geschichte erzählen,
da sie eine direkte Botschaft geben oder moralische Werte und ethische
Grundsätze darstellen. Die verschiedenen Stilarten haben Namen wie „Familienbande“, „weise
alte Frau“ oder „Einheit ist Stärke“. Es gibt
einen enormen Reichtum an Bedeutungen, Geschichten und Traditionen, die
in den Mustern verborgen sind. Leider verschwindet mit der zunehmenden
Verbreitung von Kente langsam die ursprüngliche Bedeutung. Nur wenige
Menschen wissen noch die ursprüngliche Bedeutung der wundervollen
Kente-Farben.
Ursprünglich war Kente für das Königshaus reserviert.
Später kümmerten sich die Menschen nicht mehr darum, entweder,
weil es zu teuer war oder als altmodisch betrachtet wurde. Aber Mode ändert
sich. Amerikaner afrikanischer Abstammung haben Kente als Verbindung
zu ihren afrikanischen Wurzeln entdeckt und daher haben westafrikanische
Jugendliche wieder begonnen, Kente zu entdecken.
CROSS CULTURE
Die philanthropischen Ideen von Francis Seshie werden in der Organisation
verwirklicht, die er von seiner Werkstatt aus leitet. Cross Culture International
ist eine Organisation, die auf der lokalen Ebene in Dänemark auf
eine bessere Integration und besseres Verständnis der Kulturen zielt,
die aber auch ein internationales Ziel hat. Die Leute, die sich in Francis
Laden treffen, stehen hinter dem neuen afrikanischen Kulturzentrum in
Kopenhagen. Das Zentrum gibt Afrikanern, die in Dänemark leben,
Informationen zum Schulsystem und zum Arbeitsmarkt, zu Sport, Kunst und
Kultur. Ein Beispiel ist der neue Kurs in afrikanischem Tanz, mit einem
professionellen Tanzlehrer aus Ghana und offen für die Allgemeinheit.
Francis Seshie erklärt: „Wir möchten ein positives Bild
von den Afrikanern vermitteln, die Dänemark als Heimat gewählt
haben. Wir möchten die Leute über Handelsmöglichkeiten
informieren und Ihnen Ideen anderer Kulturen näher bringen. Wir
möchten aktiv an der Entwicklung unserer Gesellschaft mitwirken.
Unsere afrikanische Jugend muss besser integriert werden, aber Teil dieses
Prozesses ist die Erinnerung an unsere Wurzeln und die Information der
Europäer darüber. Mode und Tanz sind zwei unterschiedliche
Wege, Kultur zu kommunizieren.
© Text und fotos: Jacob Crawfurd, Märch 2004.
Übersetzung: HD (Africa Positive)
All designs by Francis Seshie Selorm. Model: Victoria.
This article was published in Africa
Positive, no. 13, 2004. AFRICA POSITIVE Magazin ist in der Regel
in den meisten Bahnhofsbuchhandlungen Deutschlands erhältlich.
Sollten Sie unser Magazin im Moment nicht finden, fragen Sie den Verkäufer/in,
ob es im deutschen oder im internationalen Sortiment eingeordnet ist.
Sie
können AFRICA POSITIVE natürlich auch selbst direkt beim Verlag
bestellen: www.africa-positive.de
Weitere
fotos: Kente Design
Besuchen
Sie: www.kentedesign.dk
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